• Thanu X

Muss man schwarz sein, um gegen Rassismus zu slammen?

Nein.


Hier meine ausführliche Antwort:

In mehreren gesellschaftlichen Debatten lässt sich die Argumentation beobachten, dass man selbst Opfer eines gesellschaftlichen Umstandes sein muss, um gegen diese vorgehen zu können. Ich halte dies für eine sehr gefährliche Sichtweise, welche sich in feministische, rassistische, klassistische[1], und gesundheitsrelevante Diskussionen eingeschlichen hat. Muss man eine Vagina besitzen oder sich als Frau identifizieren, um für Frauenrechte zu kämpfen? Muss man eine dunkle Hautfarbe haben, um gegen Rassismus zu protestieren? Muss man selbst aus einer armen Familie stammen, um sich für die Rechte der benachteiligten Klassen auszusprechen? Muss man mal selbst eine Depression erlebt haben, um über psychische Krankheiten aufzuklären? Nein.


Dass es geschmacklos ist, als privilegierte Person die Betroffenheit benachteiligter Menschen zu relativieren und kleinzureden, scheint klar zu sein. Aber weshalb es notwendig ist, dass man selbst betroffen sein muss, um eine Stimme gegen eine gesellschaftliche Neigung zu äussern, leuchtet mir nicht ein. Wenn eine privilegierte Person Sensibilität und Einfühlungsvermögen mitbringt, ehrlich solidarisiert und den Kampf unterstützt, ist das doch nicht nur aufgrund ihrer/seiner Biographie abzulehnen. Es ist doch wünschenswert, dass Menschen, die nicht direkt betroffen sind, sich trotzdem mit den Problemen anderer auseinandersetzen und bereit sind, solidarisch mitzukämpfen. Aktivist*innen, die den Kampfgeist derer die nicht direkt betroffen sind, ablehnen berufen sich auf zwei Grundannahmen, die ich in diesem Artikel dekonstruieren möchte.


Die Position, dass man schwarz sein muss, um seine/ihre Stimme gegen Rassismus zu äussern, beruht auf der Annahme, dass eine weisse Person, aufgrund ihrer Hautfarbe, die rassistische Erfahrung gar nicht nachvollziehen kann und deshalb nicht ehrlich dagegen kämpfen kann. Erstens muss man nicht Rassismus am eigenen Leib erfahren haben, um den antirassistischen Kampf voranzutreiben. Das ist doch das Schöne an Empathie, dass Menschen sich in Menschen völlig anderer Herkunft und Biographie einfühlen können und Verständnis für dessen Leben entwickeln können. Zweitens äußert sich Rassismus nicht in einer bestimmten Form, die jede schwarze Person erlebt hat, aber keine weiße. Mechanismen der Ausgrenzung, Beleidigungen aufgrund des Aussehens, und Diskriminierung aufgrund einer sozialen Zugehörigkeit sind allgemeine Empfindungen, die (leider) viele Menschen nachvollziehen können, auch wenn sie nicht exakt das Gleiche erlebt haben. Deshalb halte ich es für sehr gewagt, zu sagen, dass weiße Menschen sich nicht annähernd vorstellen können, wie sich rassistische Erfahrungen anfühlen. Vielleicht kann mich jemand, die in ihrem Leben aufgrund ihres Aussehens gemobbt wurde, und sich nie einer Gruppe zugehörig fühlte, besser nachvollziehen als jemand mit dunkler Hautfarbe, die in einer solidarischen Gesellschaft aufgewachsen ist. Pauschalierende Behauptungen dazu, wer was wie gut nachvollziehen und verstehen kann, sind in inklusiven Diskursen fehl am Platz und reproduzieren die Vorstellung, dass die Herkunft, die Hautfarbe, oder das biologische Geschlecht das Denken und Fühlen bestimmen. Gerade diese essentiellen Zuordnungen möchten wir doch gerade bekämpfen. Dieses «Gatekeeping», welches Menschen in Gruppen einteilt und in Denkweisen einordnet ist exakt eine Reproduktion der rassistischen Konzepte, die zu bekämpfen sind.


Die zweite Grundannahme dieser Position ist, dass Rassismus ein Problem nichtweißer Menschen ist, Sexismus ein Problem der Frauen, und Stigmatisierung von psychischen Krankheiten ein Problem der Depressiven ist. Doch sind diese gesellschaftlichen Ausprägungen nicht gesamtgesellschaftliche Konflikte, die alle betreffen? Ist es nicht begrüssenswert, wenn privilegierte Menschen ihr Privileg reflektieren und dafür kämpfen, dass dieses Privileg zur Normalität für alle wird? Eine Inklusion ist doch erst möglich, wenn die Mehrheit der Gesellschaft erkennt, dass eine Form der Diskriminierung ungerecht ist. Es reicht (leider) nicht, wenn nur Benachteiligte ihre Stimme gegen den gesellschaftlichen Umstand äußern. Wir kommen nur voran, wenn gesamtgesellschaftliche Debatten entstehen und sich alle mit einem Problem auseinandersetzen.


Auch ich empfinde es als frustrierend, wenn Männer in Debatten über Sexismus ernster genommen werden als Frauen oder weiße Menschen gelobt werden, wenn sie sich gegen Rassismus aussprechen, um sich zu profilieren. Doch ich glaube, es ist kontraproduktiv aufgrund solcher Vorfälle solidarische Mitaktivist*innen auszuschließen. Vielleicht sollte es sogar ein Grund sein, diese noch mehr zu integrieren. Denn dann ist es nicht mehr was besonderes, wenn ein Mann sich als Feminist outet oder eine weiße Person, Rassismus anfechtet. Es muss ein gesellschaftlicher Konsens werden, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts,, der sexuellen Orientierung, der Hautfarbe, der sozioökonomischen Klasse und der psychischen Gesundheit bekämpft werden muss und dass dies nicht nur eine Aufgabe der Benachteiligten, sondern auch der Privilegierten ist. Es ist zwar eine alte, aber bewährte Weisheit, dass wir zusammen stärker sind. Also lasst uns zusammen für gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle kämpfen!


All Power to all People!


PS: Doch Männer bitte achtet darauf, dass ihr nicht Frauen den Raum wegnimmt, um gegen Sexismus zu protestieren, und weiße Menschen, dass ihr einen Startplatz für eine PoC[2] verhindert, um sich dann für Toleranz und Diversität auszusprechen. Denn dort wo Inklusion noch nicht Realität ist, ist Aktivismus gefragt, der Wille, benachteiligte Gruppen zu integrieren, und nicht nur die Aussage, dass ihr für Integration seid. Es würde helfen, die Slammaster*innen auf die Ironie anzusprechen, wenn für einen feministischen Slam mehr Männer als Frauen auf dem Line Up stehen, oder für einen Slam, der mit Diversität werbt, nur weiße Menschen im Line Up sind (was tatsächlich öfter vorkommt). Macht die Veranstalter*innen auf solche (teils unterbewussten Entscheidungen) aufmerksam und schafft Bewusstsein. Nur so entsteht mehr Sensibilität für das Thema und eine inklusivere Gemeinschaft. Danke.

[1] Diskriminierung aufgrund der sozioökonomischen Klassenzugehörigkeit


[2] PoC = People of Color



Text: ©Thanu X

Bild: © Kay Wieoimmer

Inspiration: Jöran Landschoff, Calypso Faye

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