Meine Hautfarbe und ich werden keine Freunde

Angeboren, angewachsen, drangelassen,

jeden Tag, jede Stunde dran gemessen.

Meine Hautfarbe und ich werden keine Freunde.


Ich laufe durch die Gegend

und seh mich dabei nicht,

doch die Menschen, die ich begegne,

sehen mich in einem anderen Licht.


Ich bin braun, mit dicken Augenbrauen,

dunkelbraunen Augen,

die mich selbst nicht gern anschauen.

Auch wenn es echt schwer ist zuzugeben,

ich wünsche mir oft, ich wäre weiss.


Ich weiss, manche finden mich heiss,

weil ich nicht weiss bin.

Manche finden mich hässlich,

weil ich nicht weiss bin.

Schnitt 1 – Ich bin 6 Jahre alt

Ich stehe unter der Dusche und schrubbe,

so fest wie ich kann – bis meine Haut brennt,

denn ich möchte weiss sein,

wie die anderen Kinder in der Schule.


Denn sie rufen, ich hätte die Hautfarbe von Scheisse,

dass ich nun Pferdegesicht heisse,

und ich gehe leise,

mit gesenktem Kopf nach Hause

und dusche.


Erst kürzlich hatte ich eine Werbung gesehen,

dass alle dunklen Flecken ausgehen,

wenn man nur genug Waschmittel nimmt,

und ich dachte damals,

dass das auch für meine Hautfarbe stimmt.


Also rieb ich meine Haut mit Waschmittel ein,

um mich rein und weiss zu waschen,

doch meine Haut brannte, und ich erkannte,

dass meine Hautfarbe braun bleiben wird.


Meine Hautfarbe und ich werden keine Freunde.


Schnitt 2 – Ich bin 10 Jahre alt.

Ich habe indisch klassisch getanzt,

ganz gerne eigentlich,

denn die Musik und der Rhythmus beruhigten mich,

eröffneten mir eine ganz neue Welt,

in der ich eins war mit mir selbst.


Doch vor jedem Auftritt wurde man geschminkt,

so stark, dass man sich selbst nicht mehr erkannte.


Denn je heller, desto schöner, desto grösser der Erfolg.

Also malten sie mich an, mit heller Hautfarbe,

nicht nur mein Gesicht, sondern auch meine Arme.

Und ich lernte, dass auch in der indischen Kultur

hell sein als schön sein galt, und ich mit meinem Hautton,

nicht zu den Schönen aus Sri Lanke gehörte.


Also stand ich nach dem Tanz vor dem Spiegel,

ich schminkte mich ab und merkte dabei,

wie weit ich davon entfernt war, als schön zu gelten.

Meine Hautfarbe und ich werden keine Freunde.


Schnitt 3 – Ich bin 14 Jahre alt

Menschen mit gleicher Hautfarbe,

beschimpfen mich auf offener Strasse,

erkennen an meiner Hautfarbe,

dass ich aus Sri Lanka stamme

und an meiner westlichen Lebensweise,

dass ich meine Wurzeln abgelegt habe.


Und das, das passt ihnen nicht,

denn jemand die so aussieht wie ich,

kann nicht einfach leben wie sie will.

Denn es sei wichtig,

die Traditionen der Heimat zu bewahren,

zu verhindern, dass die Töchter erfahren,

wie frei sie hier wirklich sind.


Eine Aussteigerin ist ein schlechtes Vorbild,

eine zu grosse Versuchung für das eigene Kind.

Eine Gefahr für die Heimatkultur,

die durch die Migration zu zerbrechen droht.


Also sehen sie mich an,

und verachten mich,

wie kann man so aussehen,

und trotzdem leben wie ich?


Und ich, ich wünsche mir,

meine Hautfarbe abzulegen,

keine Aufmerksamkeit mehr zu erregen,

sondern in der Masse unterzugehen.

Denn ich bin es satt,

als Tamilin erkannt zu werden,

und erst recht,

als Schande benannt zu werden.

Meine Hautfarbe und ich werden keine Freunde.


Letzter Schnitt – Heute

Menschen mit anderer Hautfarbe

beschimpfen mich auf offener Strasse.


Ich hätte hier nichts zu suchen.

Ich sei hier nicht willkommen.

Ich soll zurück wo ich herkomme.


Laut rufen sie rechte Parolen,

wollen sich Deutschland zurückholen.

Den Multikulti Wahn vertreiben

und wieder deutsche Geschichte schreiben.

Denn Deutschland gehört den Deutschen,

Europa den Weissen,

die Schwarzen wollen sie nicht willkommen heissen.

Neger wollen sie wiedersagen dürfen,

alte Wunden aufschürfen,

uns das Gefühl geben,

nur als Menschen zweiter Klasse unter ihnen zu leben.


Und ich? Ich will stark sein.

Ich will genauso laut zurückschreien.

Doch ich bin erschöpft.


Denn was für die einen zu anders erscheint,

ist für die anderen zu familiär.

Für die einen seh ich anders aus,

für die anderen leb ich viel zu anders.


Ich wünsche mir so oft,

nicht mehr ich selbst zu sein,

denn ich bin zu erschöpft,

anders zu erscheinen.


Meine Hautfarbe und ich werden definitiv keine Freunde.


Text: © Thanu X
Bild: © Laura Wolf

©2019 by THANU X. Proudly created with Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now